Transfer in die 70er, Station Johannisberg
Ra. Es ist Freitag abend auf Johannisberg und die 70er sind zurück. So ungefähr läßt sich die – nicht enttäuschte – Erwartungshaltung des Publikums umschreiben, daß sich bei sage und schreibe immer noch gut 30° C im Cuveéhof des Schlosses Johannisberg versammelt hatte und sich an die guten alten Zeiten erinnern ließ. Im Rahmen des Rheingau-Musik-Festivals war wieder Jazz-Prominenz in den Stammsitz des Hauses Metternich geholt worden. Jeder kennt sie noch aus den Fernsehshows der 70er und frühen 80er, als sie mit ihren swingenden Rhythmen das Publikum begeisterten: Manhattan Transfer. Tim Hauser, der Kopf der Gruppe, erinnerte sich ein wenig selbstironisch an ihre Auftritte in der Starparade im ZDF und unterstellte mancher Dame im Publikum, damals noch nicht geboren zu sein.
Das 1969 gegründete Ensemble aus vier Vokalisten war damals stilprägend. Anders als die Bands ihrer Zeit, spielten die Musiker keine Instrumente, sondern setzt ganz auf den Gesang. Soweit passend imitierten sie die Instrumente eben mit ihrer Stimme, z.B. eine abgedämpfte Trompete, oder faßten die Arrangements so, daß die Gesangspassagen die Funktionen bestimmter Instrumente übernehmen konnten. Dabei waren sie aber nie eine A-capella-Gruppe, sondern wurden immer auch von Musikern begleitet, aber eben begleitet: im Vordergrund standen immer die Stimmen. Die Musik bestand im wesentlichen aus speziellen Cover-Versionen bekannter Werke. Jazz und Swing mischten sich mit dne Klassikern des American Songbook. Aber es war eben auch kein bloßes Nachsingen, sondern sie schafften Neues mit ihrer schwungvollen, fröhlichen Weise zu musizieren. Allerdings dauerte es bis 1975, bis sich ein Plattenlabel fand, um das Debütalbum zu produzieren.
Die Musiker der Begleitband haben über die Jahre gewechselt, die vier Sänger nicht, jedenfalls nicht seit 1978, als Cheryl Bentyne die durch einen schweren Autounfall verletzte Laurel Massé ersetzte. Tim Hauser, Janis Siegel, Cheryl Bentyne und Alan Paul mögen älter geworden sein. Verlernt haben sie nichts. Insbesondere das Stimmvolumen von Janis Siegel, die in der Vergangenheit auch mit einigen Solo-Projekten von sich reden gemacht hat, ist immer noch bewundernswert. Das Alter merkte man ihnen nur an, wenn sie, unter der Hitze leidend, sich von den Bühnenventilatoren erfrischen ließen oder zwischen den Stücken Wasserflasche um Wasserflasche leeren mussten. Dem Wetter war es wohl auch geschuldet, daß das Konzert überraschend schnell zuende war.
Wenn Alt-Stars auftreten will das Publikum natürlich immer die bekannten Hits hören. Und natürlich wurden Tuxedo Junction, Route 66, Birdland, Operator, und Chanson d´amour geboten und ernteten zu recht frenetischen Jubel. Aber die künstlerische Entwicklung der Gruppe ist nicht stehengeblieben und sie beschränken sich nicht darauf, mit den Hits von damals zu glänzen. Manhattan Transfer ist keine reine Nostalgie-Band wie wir es von anderen Gruppen aus den 70ern kennen, die heute alt geworden durch die Lande tingeln, früher in Konzertsälen, heute in Schützenzelten, und ihre alten Kamellen feilbieten. Es gibt immer wieder neue Projekte. Aktuell haben Manhattan Transfer eine Zusammenarbeit mit Chick Corea in ihr neues Album einfließen lassen: The Chick Corea Songbook. Das anspruchsvolle Projekt ist sehr künstlerisch und keineswegs auf platte Effekthascherei aus. Chick Corea lieferte vor allem Instrumentales, die Sängerinnen von Manhattan Transfer verpaßten den Stücken die Textarrangements. Die Stilelemente entstammen dem Jazz wie auch dem Flamenco, Samba oder Rumba. Auch aus diesem Album boten die Musiker einige Kostproben.
Insgesamt war es ein unterhaltsamer, gelungener Konzertabend im gewohnt malerischen Ambiente. Zu recht wurden die Künstler vom Publikum gefeiert und mußten Zugabe um Zugabe geben.
Das Rheingau-Musik-Festival dauert noch bis Ende August. Karten erhält man im Internet unter info@rheingau-musik-festival.de, über die Homepage www.rheingau-musik-festival.de oder über die Dresdner Reisebüros, die auch gerne die Anreise und die Unterkunft in einem malerischen Rheingau-Dörfchen organisieren. Die Einkehr bei einem der örtlichen Winzer sollte man nicht vergessen und sich auch die Zeit nehmen, durch die Weinberge zu wandern und in der einen oder anderen Gartenwirtschaft eine Erfrischung zu sich zu nehmen.
Fotos: R. Arnade, v.l.n.r. Alan Paul, Janis Siegel, Cheryl Bentyne und Tim Hauser